Autos entwickeln wie früher Software

Gerade ruft doch tatsächlich Mercedes satte 150.000 Autos zurück, über 20.000 davon alleine in Deutschland.

Die Erklärung klingt erstaunlich profan: Es können sich Teile lösen, dadurch könne es zum Brand kommen. Und weitaus erschreckender: Damit ist Mercedes in bemerkenswert guter Gesellschaft – Nie wurden so viele Autos zurückgerufen wie 2014 – und das trifft dann mittlerweile auch mal wieder einen prominenten Klassenprimus wie Toyota. Toyota lieferte früher ja nicht nur erwiesenermaßen legendenbildende Qualität – sie erprobten neue Technologien auch ausgiebig, bevor sie in Serie gingen.

Da mag heute im Detail auch mal eine Haufen Anwälte eine Rolle spielen, die lieber zurückrufen, als mit einem brennenden Auto in der Presse zu landen – was ja an sich erst einmal löblich ist, aber vermutlich die Statistik etwas färbt – dennoch wird man den Eindruck nicht los, dass die Autohersteller heute mit einer solchen Hektik von Facelift zu Facelift der Konkurrenz hinterher entwickeln, dass das scheinbar nicht mehr ausreichend funktioniert.

Dacia Sandero 2.0 ohne Plugins und Servicepacks - funktioniert

Dacia Sandero 2.0 ohne Plugins und Servicepacks – funktioniert

Das Phänomen kennen wir traditionell eigentlich eher aus der Software-Branche, wo jedes Feature, dass der eine hat, auch im Release des anderen drin sein muss – und dann hat es wieder keiner ausreichend unter Betriebssystem X und mit Grafikkarte Y getestet, das Gejammer ist groß und es muss ein Patch, ein Update, ein Bugfix oder ein Fastfollower nachgereicht werden oder wie auch immer die modernen Entschuldigungen der Software-industrie dann gerade heißen.

Da fängt man an, sich (in engen Grenzen) in den Auto-Sozialismus zurück zu wünschen – in die Zeit, da im Ostblock nur Technik unterwegs war, die im besten Wortsinne als „erprobt“ gelten durfte. Man versteht auch, warum Menschen sich Youngtimer kaufen, die man auch getrost als erprobt bezeichnen kann. Als unsere Freunde vom Youngtimer-Blog kürzlich zu einer fiktiven Wahl aufriefen, im Jahr 1995 zurückversetzt das verpflichtende EU-Standard-Auto für die kommenden 20 Jahre zu wählen, da lagen auch die simplen vorn, diejenigen, die man noch mit Schraubenziehern und „jetzt helfe ich mir selbst“ reparieren konnte.

Motorraum 2015 4.1.287beta: Aufwändig und teuer aber ohne Funktionsgarantie

Motorraum 2015 4.1.287beta: Aufwändig und teuer aber ohne Funktionsgarantie

Und man beginnt, sich zu fragen, ob nicht die Leute recht haben, die sich einen Dacia kaufen – nicht, weil der billig ist, sondern weil der so simpel und überschaubar ist. Und im Übrigen: der letzte relevante Rückruf eines Dacia war 2011 – Reduzierung der Komplexität ist also offensichtlich nicht das Dümmste, was man als Automobilhersteller tun kann. Volkswagen hatte seit März 2014 mehr Rückrufaktionen als Dacia seit 2008 (!) – das ist natürlich schon durch die breite Modellpalette nicht vergleichbar, mag man da zurecht einwenden – aber auch die Modellpalette mit all ihren kleinen Nischen ist ja letzten Endes auch nur ein Komplexitätstreiber in dieser Betrachtung.

Wirtschaftlich betrachtet kommt vor allem hinzu: Natürlich haben die Autohersteller längst Budgets für solche Rückrufe – denn dass die vorkommen, ist in dem Spiel längst mit eingeplant. Am Ende des Tages bedeutet das dann nicht anderes als: Ich zahle die Marktgeschwindigkeit meines Autoherstellers und die Expansion in irrwitzige Kleinstnischen mit – denn so ein Rückruf kostet richtiges Geld mit all seinen Anschreiben, seiner Halterermittlung, Verwaltung, Produktionsspitzen für Tauschteile, die ganze Palette…

Und eins darf man in dem Kontext mal nicht vergessen: Wenn irgendwo in der Welt Powerpoint eine Macke hat und die neueste Browserversion nicht mit irgendeinem liebgewonnenen Plug-In kompatibel ist, dann ist das ärgerlich und kostet Zeit und eventuell Geld. Wenn mein Auto unter mir wegfackelt, gefährdet das Leib, Leben und eventuell sogar die Leute, die gerade in Ihrem Youngtimer oder ihrem Dacia unbehelligt an mir vorbeifahren wollten.

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